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Mit Yogapants und Matcha Latte: Die stille Revolution am Vormittag

  • Autorenbild: Jana Kaminski
    Jana Kaminski
  • 7. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Meetings im Café, Yoga im Volkspark Friedrichshain und trotzdem erfolgreich: Wie die Generation Z zeigt, dass wahre Produktivität auch im Müßiggang unter der Mittagssonne entstehen kann.


Elf Uhr morgens, irgendwo zwischen Bötzowkiez und Hasenheide: Vegane Hafermilch wird aufgeschäumt, irgendwo klappern Tastaturen, auf der Wiese streckt eine Gruppe Yoga-Fans in Leggings die Beine gen Himmel. Wer glaubt, Berlin hätte an diesem Montagmorgen kollektiv den Wecker überhört, irrt gewaltig. Hier wird gearbeitet. Nur anders. Und vielleicht besser. Generation Z – oft belächelt als faul oder unentschlossen – verändert die Regeln unseres gesellschaftlichen Daseins als arbeitende Menschen: ohne Megafon, ohne Streikplakat, ohne Gewerkschaft. Mit bewussten Entscheidungen, mit dem Mut zum Nein. Mit der Erkenntnis, dass Produktivität nichts mit dem Sitzplatz im Großraumbüro zu tun hat.


Tagsüber im Café? Ja, müssen die denn nicht arbeiten, fragt sich wohl so manch Boomer
Tagsüber im Café? Ja, müssen die denn nicht arbeiten, fragt sich wohl so manch Boomer

Absage an die Generation Praktikum


Statt Rush Hour im Büro in Berlin-Mitte mit Obstkorb und Kickertisch heißt es jetzt: Deep Work mit Doppio Espresso und Zwischendurch-Yoga – vielleicht im Park, vielleicht bei einer Dampferfahrt über den Wannsee. Was nach Müßiggang aussieht, ist in Wahrheit eine präzise durchchoreografierte Selbstfürsorge – und eine Absage an die alte Religion des 60-Stunden-Bürowahns, mit dem sich Boomer und Millennials, auch als „Generation Praktikum“ bekannt, einst schmückten. Wo einst Überstunden als Trophäen galten, zählt heute die Kunst des Innehaltens. Faulheit – das einstige Schimpfwort der Leistungsgesellschaft – wird zum Akt der Selbstbestimmung. Stillstand wird zum Statement: Wer innehält, kann trotzdem (oder gerade deshalb) Großes bewegen. Arbeit ja – aber bitte selbstbestimmt, flexibel und gerne in High-Waist-Yogapants.


"Alles im Gleichgewicht" statt "Work hard, play hard"
"Alles im Gleichgewicht" statt "Work hard, play hard"

Faul, aber erfolgreich?


Homeoffice ist längst keine Übergangslösung mehr, und flexible Arbeitszeiten sind Voraussetzung. Zahlreiche Coworking-Spaces für alle Bedürfnisse– sogar mit Babybetreuung – sprechen dafür. Die COVID-19-Pandemie war nur der Brandbeschleuniger für eine Entwicklung, die längst begonnen hatte: Arbeit ordnet sich dem Leben unter, nicht mehr umgekehrt. Berlin ist der perfekte Nährboden für diese neue Freiheit – urban, kreativ, widerständig gegen jede starre Norm. Schon immer kamen Künstler, Kreative und Lebenskünstler hierher, angelockt von einer Stadt, in der zu jeder Tageszeit etwas los ist. Heute wandelt sich dieses Privileg, das einst das „Arm, aber sexy“-Image Berlins prägte, zunehmend in ein „Faul, aber erfolgreich“-Selbstverständnis. Zumindest wirkt es oft so – aus mangelndem Verständnis.

Während manche Millennials – die noch unbezahlte Praktika in Serie absolvierten – mit einem Augenrollen reagieren, übersehen sie, dass diese vermeintliche Faulheit eine Errungenschaft ist: ein Zeichen des Widerstands gegen althergebrachte Disziplin und übertriebenes Pflichtgefühl.


Zwischen unbegrenzten Wahlmöglichkeiten und der Suche nach Halt


Vielleicht wäre es an der Zeit, ein wenig mehr Laissez-faire einziehen zu lassen. Anstatt sich über die vermeintliche Faulheit einer Generation aufzuregen, die in eine ganz andere Welt geboren wurde. Woher sollen sie wissen, dass Landkartenlesen oder Telefongespräche einst „normal“ waren, wenn heute alles vom Smartphone übernommen wird? Woher sollen sie wissen, dass Medienkonsum schwierig ist, wenn ihre Boomer-Eltern dort noch Facebook-Gruppen verwalten?


Generation Z kämpft mit anderen Herausforderungen: ständiger Verfügbarkeit, unendlichen Wahlmöglichkeiten und einem permanenten Optimierungsdruck. Was hilft? Der bewusste Rückzug ins Private. Zur Familie, ins Grüne – mit Anspruch, mit Werten, mit Verantwortung. Pflicht ja – aber bitte mit Sinn und Wertigkeit dahinter.



Die Hauptstadt, wie wir sie lieben


Vielleicht war es immer Berlins heimliche Superkraft: das Recht auf selbstbestimmte Zeit, auf Präsenz im öffentlichen Raum, auf Lebensfreude. Früher war das Privileg, tagsüber draußen zu sein, vor allem Künstlern, Kreativen und Arbeitslosen vorbehalten. Heute erleben wir diese Freiheit breiter – getragen von einer Generation, die Arbeit nicht mehr über das Leben stellt, sondern mit ihm neu verbindet. Und was Berlin immer ausgemacht hat, bleibt bestehen: das Leben genießen, die Stadt genießen, Berlin leben. Was früher als Müßiggang galt, feiert heute ein Comeback – als bewusster, erfolgreicher Lebensstil. Und so inszeniert die Generation Z keinen Aufstand. Sie lebt ihn. Leise, konsequent, selbstbestimmt und bestellt noch einen Matcha Latte dazu.

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