Was essen wir heute? Ein Sonntag voller Entscheidungen
- Jana Kaminski
- 17. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Zwischen Streamingdiensten, Liefer-Apps und moralischen Fragen. Warum Essen bestellen zum Sinnbild unserer Überflussgesellschaft geworden ist.
Sonntag ist der Tag, an dem alles möglich ist – und genau das macht ihn so anstrengend.
Nichts ist terminiert, nichts muss, alles könnte. Während wir uns durch Netflix, Disney Plus und Mediatheken klicken, verschiebt sich die Entscheidungsfrage irgendwann vom Bildschirm auf den Magen. Serie oder Film wird zu Burger oder Bowl, zu Koreanisch oder Italienisch, zu neu oder vertraut. „Was essen wir heute?“ ist längst keine beiläufige Frage mehr, sondern die Königsdisziplin eines Alltags im Überfluss.
Die Qual der Wahl als Lebensgefühl
Essen bestellen war einmal pragmatisch. Heute ist es ein Spiegel unserer urbanen Lebensrealität. Lieferdienste versprechen Vielfalt pur, hunderte Optionen, jederzeit verfügbar. Was als Freiheit verkauft wird, fühlt sich oft nach Arbeit an. Scrollen, vergleichen, bewerten, verwerfen. Jede Entscheidung steht unter dem Druck, auch die falsche sein zu können. Der Überfluss macht nicht satt, sondern müde.

Strategien gegen den Entscheidungsstress
Um dieser Überforderung zu entkommen, greifen wir zu klaren Mustern. Manche orientieren sich an Trends, weil sie Sicherheit versprechen. So konnte zum Beispiel den größten Sprung in diesem Jahr die koreanische Küche verzeichnen. Das Bestellaufkommen hat sich laut Lieferando-Report im Vergleich zum Vorjahr fast verdreifacht (+194 Prozent), was wohl mit dem anhaltenden Korean Hype rund um K-Pop, Skincare und die positive Wirkung von Kimchi zusammenhängt. Andere lassen sich zunehmend von KI-basierten Empfehlungen leiten. Nicht aus Technikbegeisterung, sondern aus dem Wunsch, Entscheidungen abzugeben. Und dann gibt es noch das bloße Bauchgefühl. Der Griff zu vertrauten Klassikern ist selten uninspiriert, sondern oft ein Akt der Selbstfürsorge. 2025 wurde die Rangliste der beliebtesten Speisen von Cheeseburger, Pizza Magherita und dem Chickenburger angeführt, so der Lieferdienst Lieferando.

Wenn Nichtbestellen die konsequenteste Wahl ist
Doch jede Bequemlichkeit hat eine Kehrseite. Während wir über Toppings und Lieferzeiten nachdenken, geraten die Arbeitsbedingungen im Liefersektor schnell aus dem Blick. Zeitdruck, unsichere Einkommen, physische Belastung. Wer sonntags bewusst nicht bestellt, trifft keine asketische Entscheidung, sondern eine politische. Gegen ein System, das Effizienz über Fairness stellt.

Vielleicht ist die Sonntagsfrage nach dem Essen deshalb so aufgeladen, weil sie mehr verhandelt als Hunger. Sie erzählt von Überfluss, von Erschöpfung und vom Wunsch nach Orientierung. Und manchmal ist die ehrlichste Antwort auf „Was essen wir heute?“ eben nicht eine Bestellung, sondern eine Pause vom Entscheiden.


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