Rogacki in der Markthalle Neun: Bietet uns Tradition die Identität, die Berlin im ständigen Wandel verliert?
Zwischen Gentrifizierung, wechselnden Konsum-Glaubenssätzen und urbaner Beschleunigung wächst die Sehnsucht nach Kontinuität. Das Comeback der Feinkost-Institution Rogacki zeigt: Tradition ist in der Hauptstadt kein Relikt von gestern, sondern eine große Sehnsucht, die Inspiration durch fast schon Gewöhnliches schafft.

Berlin ist nicht im Wandel – Berlin ist Wandel per se, schon immer gewesen. Kaum hat man sich an ein Phänomen gewöhnt, ist es auch schon wieder out. Erst war es der Matcha Latte, dann das Cycling-Studio, und plötzlich fahren wir nicht mehr Fahrrad, sondern gehen zum Reformer-Pilates. Wir frühstücken mal opulent, essen dann wieder Pizza – aber eben immer anders, immer neu. Mal Eis mit Pistazie, mal Sorbet. Bio? Gibt’s auch noch. Aber genau das macht die Stadt wohl aus: Es ist alles möglich, und das am liebsten gleichzeitig.

Wer jemanden fragt, der in den 90er-Jahren um die zwanzig war, bekommt Geschichten vom Technoclub Tresor oder den frühen Zeiten der Loveparade um Westbam und Dr. Motte erzählt. Die „Generation Praktikum“ der 2010er-Jahre hingegen verbrachte ihre Nächte wohl eher unterm Schreibtisch in den großen Werbe- und PR-Agenturen – zwischen Tischkicker und Obstkorb. Und wer an der Eberswalder Straße unterwegs ist, trifft auf Lack-, Leder- oder Furry-Outfits, während ein paar Ecken weiter auf dem Kollwitzmarkt das gewohnte Flanierleben seinen Gang geht.
Doch wo alles im Wandel ist – und das keineswegs nur positiv, schaut man auf die zunehmende Vermüllung und Verwahrlosung mancher Kiez-Ecken –, stellt sich eine drängende Frage: Was hält diese Stadt eigentlich im Innersten zusammen? Was ist unsere Identität?
Das Bedürfnis nach Verankerung
Gerade weil ein Großteil der Bevölkerung zugezogen ist, wächst die Sehnsucht nach Verwurzelung. Nach Orten, die Kontinuität bieten. Es ist die Sehnsucht nach jener Berliner Verlässlichkeit, die uns früher TV-Formate wie Drei Damen vom Grill, Liebling Kreuzberg oder später Lolle in Berlin, Berlin vorgelebt haben: ein bisschen schroff, aber herzlich, unaufgeregt, unverwüstlich und immer mit einer guten Seele. Berlin eben.
Soziologisch lässt sich dieses Phänomen als Suche nach symbolischen Ankern beschreiben. In einer komplexen, reizüberfluteten Umwelt verlangen historisch gewachsene Orte kein Bekenntnis zu einem flüchtigen Lifestyle. Sie bieten funktionale Komplexitätsreduktion. Wenn sich Morgens Schlangen vor Traditionsbäckereien wie Hacker in der Stargarder Straße bilden oder Stammgäste das KaDeWe ansteuern, geht es nicht um bloßen Konsum, sondern um das Bedürfnis nach Verankerung.
Auch Trendforschungsinstitute wie Mintel belegen diesen Wandel im Konsumverhalten: In Unsicherheitszeiten gewinnt der sogenannte Localism an Bedeutung. Produkte und Orte mit nachgewiesener Herkunft (Heritage) vermitteln eine Transparenz, die austauschbare Konzeptstores nicht bieten können. Nostalgie fungiert hierbei als effektiver psycho-sozialer Schutzraum gegen die Entfremdung im urbanen Raum.
Das Comeback einer Institution: „Rogacki“ in der Markthalle Neun
Dass dieses Bedürfnis nach Erfüllung sucht, zeigt ein aktuelles gastronomisches Beispiel: Rogacki ist zurück. Nach der Schließung des legendären Stammhauses in Charlottenburg hat die 1928 gegründete Feinkost-Institution ein Pop-up in der Kreuzberger Markthalle Neun eröffnet. Neben den unumstößlichen Klassikern – krosser Backfisch, Kartoffelsalat mit oder ohne Mayonnaise, Austern und Fischbrötchen – setzt das Haus auf zeitgemäße Interpretationen wie die „Halben Eier“.

Das Pop-up ist jedoch nur der erste Schritt. Das erklärte Ziel der Geschäftsführung bleibt die Rückkehr nach Charlottenburg mit einem neuen Stammhaus zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2028.
Dass ausgerechnet die Kreuzberger Markthalle Neun – oft als Symbol der neuen, internationalen Food-Kultur wahrgenommen – und das traditionsreiche Charlottenburger Urgestein Rogacki zusammenfinden, zeigt genau das, was wir uns doch alle irgendwie wünschen: eine tiefe Verwurzelung und das Gefühl, nach Hause zu kommen und das gepaart mit maximaler Freiheit und dem Raum, wild sein zu dürfen.
Das Gustas-Fazit: Ist das Trend oder kann das weg?
Die Annahme, dass uns nur das Neueste glücklich macht, ist wohl nicht zu unterschreiben. Denn wir suchen nicht nur nach dem, was uns nur neue Themen und Hypes liefert, sondern vor allem nach Identität. Und genau das gibt uns diese Stadt, wenn wir Tradition als Bestandteil moderner Kultur betrachten.



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