Von der Grundschule in den Burnout: Warum Aushalten bei Neurodivergenz kein Lernziel sein darf
Ein persönliches Essay zu eigenen Erfahrungen mit Neurodivergenz und Burnout – und der großen Ratlosigkeit, warum wir unseren Kindern trotz dieser Erkenntnisse denselben Weg ebnen. Anlass ist die bundesweite Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis zum 20. Oktober 2026.
Wenn ein Kind im Grundschulalter durch die sensorische Dichte des Schulalltags an Grenzen stößt, kann es passieren, dass das medizinische Versorgungssystem auf die Notwendigkeit einer stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Abklärung verweist. Es gebe nun einmal ein Schulsystem, und das Kind müsse langfristig lernen, es auszuhalten. Bricht eine Erwachsene nach jahrelanger chronischer Überlastung zusammen, wird dies im beruflichen Kontext als Burnout diagnostiziert. Beide Dynamiken wurzeln in einer gemeinsamen Ursache: Ein neurodivergentes Nervensystem wird von Kindheit an darauf konditioniert, Rahmenbedingungen zu kompensieren, die seiner Verarbeitungsweise grundlegend widersprechen.

Diagnose Z73: Wenn der Hausarzt von „Lebenskrise“ spricht
Nachdem ich mit Ende Zwanzig kurz vor dem Einsteigen ins Flugzeug meinen Koffer am Sonntagabend ausladen ließ, lautete am Montagmorgen die offizielle Diagnose: ICD10-Code Z73 – Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung.
Mein Hausarzt kicherte, sah mich an und sagte: „Sie haben da wohl eine kleine Lebenskrise.“
Überweisung zum Psychologen? Fehlanzeige. Nach sechs Wochen ging es dann zum Betriebsarzt. Wir mussten nicht lange sprechen, er bestätigte die Überlastung sofort. Ich schlief kaum, hatte permanenten Schwindel und war ständig erkältet. Wenn man sonntagabends mit dicker Erkältung schniefend am Flughafen steht, auf dem Weg zum Meeting am Montagfrüh, stellt sich manchmal aus dem Nichts ein Spiegelbild vor einen und hinterfragt alles:
„Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?"
Ob ich sicher sei, dass der Koffer aus dem Flugzeug geholt werden soll?
„Unbedingt. Für immer.“
Neurodivergenz: Zwischen Dauer-Hyperfokus und lähmender Unterforderung
Es fühlte sich jedoch damals schon nicht wie jene klassische Überarbeitung an, von der ich natürlich auch vorher gehört hatte, sondern mehr wie eine tiefe, strukturelle Entfremdung von meinem eigenen Arbeiten. Jahrelang war mein Berufsleben von einem unerbittlichen Zweijahresrhythmus geprägt gewesen, bei dem sich in regelmäßigen Abständen dasselbe drückende Gefühl einstellte: Ich halte das hier schlichtweg nicht mehr aus. Wenn die starren Routinen, die ständigen Wiederholungen und die fremdbestimmten Anforderungen anderer überhandnahmen, stellte sich eine bleierne Depressivität ein, die mich schließlich in den nächsten Jobwechsel trieb. Und ich arbeitete wirklich immer gerne.
So auch vor dem Burnout: Als PR-Managerin für zehn Hotels verbrachte ich Monate im unkontrollierten Dauer-Hyperfokus und erstellte eigenmächtig ein komplett neues Mitarbeitermagazin – keineswegs, weil es zu meinem Kernauftrag gehörte, sondern weil es mich innerlich fesselte, während die eigentlichen Prioritäten der Unternehmensführung an mir vorbeiliefen.

Das kannte ich schon aus der Schule. Im darauffolgenden Job in einem Fitness-Konzern schlug die Überstimulation in gähnende Unterforderung um: Meine Ideen wurden als unverständlich abgetan, ich fühlte mich wie eine Außenseiterin, und das unerbittliche Korsett der Konzernstrukturen schnürte mir wieder die Luft ab. Innerlich zumindest; nach außen wirkte ich so, als würde ich nichts schaffen, nichts umsetzen, Flüchtigkeitsfehler machen. Ja, die kommen nämlich genau dann, wenn ich komplett unterfordert bin, und meißeln trotz der Erkenntnis der Unterforderung Wunden ins Selbstbewusstsein. Erst mit Anfang vierzig fügten sich die Puzzleteile zusammen, als die späte Diagnose ADHS mein bisheriges Leben in einem völlig neuen Licht erscheinen ließ.
Statt Burnout: Selbstständigkeit als Überlebensstrategie für das Nervensystem
Dass ich mich mit Ende dreißig für die Selbstständigkeit entschied, war rückblickend keine bloße Karriereentscheidung, sondern die einzige funktionierende Überlebensstrategie, um mein Nervensystem vor dem nächsten Zusammenbruch zu schützen. Erst in der eigenen Struktur konnte ich mir jene Flexibilität erarbeiten, die ich im Angestelltenverhältnis vergeblich gesucht hatte. Und ich blühe auf und wachse jeden Tag. Ich suche mir die Kunden aus, die mir den Raum geben und Vertrauen schenken. Wer kontrolliert, ist nicht mein Partner. Ich kann mir das glücklicherweise leisten. Nicht weil es mir in die Wiege gelegt wurde, sondern weil ich es mir erkämpft habe.
Sensorische Reizüberflutung im Klassenzimmer: Warum die Schulpflicht keine Antwort ist
Ich fühle mich gut und frei, endlich angekommen. Als hätten wir Neurodivergenten ein Stück Akzeptanz erarbeitet – vor allem durch die Enttabuisierung und das Darüber-Sprechen.
Und so schön sich dieser Erfolg anfühlt: Dann kommt etwas ganz anderes, wie die bittere Wahrheit einer Parallelwelt. Das Schulsystem: Wie gehen wir mit einem Kind im Grundschulalter um, das nicht gerne zur Schule geht? Es geht um Übergänge, Reize, Fremdbestimmung. Wir sprechen von einem aufgeweckten, angepassten Kind. Kein Krawall, kein Stören, keine Gewalt. Nur eben massive Probleme, sich für die Schule zu motivieren. Der gesellschaftliche Grundtonus ist dabei klar, und selbst ich predige fast schon unreflektiert: „Wir haben in Deutschland eine Schulpflicht, das entscheide nicht ich.“
Aushalten als Systemauftrag: Wenn die Notaufnahme als Rat kommt
Und ja, das klingt nach einer guten Erklärung, aber rechtfertigt das all das Leid und die Tatsache, dass wir die nächsten Burnout-Patienten gerade selbst anzüchten? Dass wir sie nicht ernst nehmen und ihnen immer wieder aufzwingen: „Du musst das durchhalten.“ Genau das wurde auch in der fachärztlichen Abklärung bestätigt: Es hieß, das Kind müsse lernen, auszuhalten. Es ist noch nicht mal Durchhalten – es geht ums Aushalten. Die ambulanten Maßnahmen seien erschöpft, Medikamente schwierig – denn ja, ein neurodivergentes Kind hat oft Wahrnehmungen, die viel ausgeprägter sind als unsere. Und so lautete der Ratschlag bei der nächsten Schulverweigerung am Morgen, das Kind direkt in die Notaufnahme einer kinderpsychiatrischen Klinik zu bringen. Das wirke abschreckend und verschaffe zugleich einen Platz in der Tagesklinik für die weitere Diagnostik. Dazu kam die unverblümte Warnung, Eltern könnten ihr Kind andernfalls in ein paar Jahren irgendwo in der Stadt einsammeln.
Individuelle Selbstregulation statt starrer Schulstrukturen
Diese Aussage traf nicht nur Eltern zutiefst, sondern schockierte mich vor allem als Frau, die genau diesen Leidensdruck vier Jahrzehnte lang unerkennbar durchlebt hat. Es gibt Wege, die zu Hause funktionieren: Manche Kinder lernen besser, wenn Hintergrundgeräusche den Fokus bündeln, und erzielen dadurch hervorragende Ergebnisse. Sie brauchen Sicherheit und die passende Umgebung. Es geht ganz viel um Ästhetik, Ordnung, Gerüche, Materialien. Ein Klinikaufenthalt wäre genau das Gegenteil von dem, was das ganze Bild liefert. Und so wäre es ein Traum, wenn Eltern dank flexibler Arbeitszeiten im Bedarfsfall sagen könnten:
„Wir haben das gesamte Wochenende intensiv gearbeitet, du hast das großartig gemacht – heute bleibst du zu Hause, um dein Nervensystem zu entlasten, und morgen holen wir den Stoff nach.“
Das wäre die Welt, die ich mir wünsche. Die Umsetzbarkeit ist mir klar – das können nicht alle Familien leisten. Ich will keine allgemeine Lösung liefern, aber einen Anreiz zum Nachdenken bieten, wie wir das System Schule betrachten und wie wir uns als Gesellschaft in Bezug auf Leistungsdruck definieren. Mir wäre egal, dass ein Kind zu spät kommt und das im Zeugnis steht. Natürlich sollen Kinder zum Lernen motiviert werden, und sie sind stolz auf das, was sie schaffen. Natürlich lässt sich ihnen erklären, warum das System so ist. Aber ich weiß, und das ist das Wichtigste: Es gibt immer eine Alternative. Wir müssen nicht mental im System gefangen sein, auch wenn wir es formal erfüllen. Wir können unseren Kindern beibringen, ihre Talente zu fördern, sie zu stärken und sie so aufzuziehen, dass Noten und Zeugnisse nur ein Teil ihrer Welt sind.
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Dabei geht es nicht darum, Anstrengung abzuschaffen. Üben darf fordernd sein, ein Kind darf an Grenzen stoßen und stolz sein, wenn es ein Diktat meistert. Aushalten meint etwas völlig anderes: Rahmenbedingungen klaglos zu ertragen, die das eigene Nervensystem jeden Tag aufs Neue überfordern – ohne dass Veränderung vorgesehen ist. Doch das System untersagt genau diese individuelle Selbstregulation, indem Pädagogen und Mediziner gebetsmühlenartig dieselbe Parole wiederholen: Das Kind müsse schließlich lernen, auszuhalten. Und ich verstehe einfach nicht, warum.
Burnout bei Erwachsenen und Kindern: Wo Selbstausbeutung beginnt
Dabei offenbart sich eine fatale Denkfehler-Spirale. Wie sie bei Erwachsenen aussieht, beschreibt der Psychiater Husni Khaled, Chefarzt der Fliedner Klinik Düsseldorf, in einem Interview, das die Theodor Fliedner Stiftung anlässlich der bundesweiten Woche der Seelischen Gesundheit veröffentlicht hat. Er spricht über den Arbeitskontext, nicht über Kinder, Schule oder Neurodivergenz, doch seine Sätze beschreiben für mich genau das, was ich bei Kindern beobachte:
![]() Husni Khaled, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Chefarzt der Fliedner Klinik Düsseldorf |
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Burnout ist laut Khaled keine Frage von Schwäche, sondern trifft häufig gerade diejenigen, die sehr engagiert sind, hohe Ansprüche an sich selbst haben und lange versuchen, alles möglich zu machen.
Was in der öffentlichen Debatte jedoch selten mitgedacht wird: Genau diese Selbstausbeutung beginnt keineswegs erst im Erwachsenenalter oder im Büro. Sie wird Kindern ab dem ersten Schultag als angebliche Tugend antrainiert.
Warum Kinder im Schulalltag mehr kompensieren, als sichtbar ist
Ein Kind im Grundschulalter leistet bereits jeden einzelnen Tag emotionale Schwerstarbeit. Es hält die überfüllten Klassenzimmer, das grelle Neonlicht, den ununterbrochenen Lärmpegel und die starre Sitzordnung aus – es kompensiert und erträgt weit mehr, als Erwachsene sich vorzustellen vermögen. Ich bleibe dabei: Aushalten ist kein Lernziel. Khaled beschreibt, dass sich Burnout meist schleichend entwickelt, wenn die nötigen Erholungsphasen dauerhaft fehlen, und als Zusammenspiel aus Arbeitsbedingungen, persönlicher Situation und dem eigenen Umgang mit Belastung. Zugleich nennt er die Grenze individueller Lösungen:
„Wenn dauerhaft zu viel Arbeit da ist oder die Anforderungen nicht zu bewältigen sind, lässt sich das Problem nicht allein durch individuelles Stressmanagement lösen.“
Ein Kind kann seine Rahmenbedingungen nicht selbst verändern. Genau an diesem Punkt scheitert das System an unseren Kindern. Indem wir ihnen verwehren, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und passende Rahmenbedingungen einzufordern, bringen wir ihnen bei, dass körperliche wie mentale Überforderung klaglos ertragen werden müssen. Wir erziehen damit keine widerstandsfähigen Persönlichkeiten, sondern erschaffen systematisch die Burnout-Patienten von morgen.
Das Mantra des Aushaltens als Lernziel muss konsequent weg. Die gesellschaftliche Überzeugung, dass psychische Gesundheit durch das klaglose Ertragen von unpassenden Strukturen entsteht, zerstört das Wohlbefinden neurodivergenten Lebens, bevor es sich überhaupt entfalten kann.
Wie Chefarzt Husni Khaled treffend zusammenfasst: Burnout bedeutet nicht einfach, dass jemand nicht belastbar genug ist – es entsteht durch das Zusammenspiel aus Arbeitsbedingungen, persönlicher Situation und dem eigenen Umgang mit Belastung. Wenn wir ernsthaft über die Prävention von Burnout sprechen wollen, müssen wir aufhören, strikte Anpassung mit Stärke zu verwechseln. Wir müssen endlich Umgebungen schaffen – in Schule wie Beruf –, in denen Menschen nicht erst ausbrennen müssen, um als sie selbst zu existieren. „Miteinander statt nebeneinander“, so das Motto der diesjährigen Woche der Seelischen Gesundheit: Anpassung darf nicht allein beim Kind liegen.




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