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Frühstückstrends 2027: Wenn, dann richtig, und sonst wird gesnackt

Autorenbild: Jana Kaminski
Jana Kaminski
vor 12 Stunden
4 Min. Lesezeit

Frühstück ist für einen wachsenden Teil der Deutschen keine feste Mahlzeit mehr, sondern eine Folge kleiner Happen zwischen Aufstehen und Mittag. Was sagt es über uns, dass eine Mahlzeit nur noch Relevanz hat, wenn sie in eine Szenerie eingebaut ist? Und wer sind wir, wenn wir nur noch snacken?




Sonntag, kurz nach zehn, irgendwo zwischen Kollwitzplatz und Bötzowkiez: Vor dem Café warten ein Dutzend Menschen auf einen Tisch, an dem sie zwei Stunden sitzen und als Erstes ihr Essen fotografieren werden. Dieselben Menschen haben am Dienstag zwischen zwei Terminen einen Riegel gegessen und das ebenfalls Frühstück genannt. Zwischen beiden Szenen liegt wenig, und genau diese Lücke beschreibt, wohin sich unser Essen entwickelt.


Der Snack dominiert an Werktagen


Die Marktforschung hat dafür ein sperriges Wort gefunden, Snackification: Feste Mahlzeiten lösen sich in mehrere kleine Portionen über den Tag auf. Deutschland gilt als Beispielfall, denn nach Zahlen des Marktforschungsunternehmens Mintel essen 36 Prozent der Frühstückenden hierzulande am Vormittag eher mehrere Kleinigkeiten als ein großes Frühstück. In den USA ist die Entwicklung weiter, dort gaben 2025 schon 63 Prozent der 18- bis 34-Jährigen an, morgens lieber zu snacken als vollständig zu frühstücken.


Naheliegend wäre, den Zeitdruck verantwortlich zu machen, doch er steht nur an zweiter Stelle. 40 Prozent der deutschen Frühstücks-Snacker sind morgens nicht hungrig genug für eine große Mahlzeit, 34 Prozent wollen Zeit sparen und 31 Prozent schätzen die Abwechslung. Das Sattwerden erledigen wir also nebenbei, ohne Tisch und ohne Uhrzeit. Was von der Mahlzeit übrig bleibt, wenn ihr Zweck wegfällt, ist ihre Bedeutung.


Wenn, dann richtig: Der Brunch wird zum Termin


Eine Mahlzeit, die niemand mehr essen muss, wird zu einer, die jemand essen will, und dieser Wille sucht sich einen Rahmen. In einer Umfrage der Reservierungsplattform OpenTable vom September 2025 sahen 62 Prozent der Deutschen den Restaurantbesuch als besonderes Erlebnis, nur 28 Prozent als regelmäßige Gewohnheit. Der Brunch folgt dieser Logik besonders konsequent, mit Zeitfenster, Reservierung, Dramaturgie und Zuschauern. Soziologisch betrachtet wird das Essen hier institutionalisiert. Es bekommt Regeln, einen Ort und einen Wert, der sich zeigen lässt, während alles, was diesen Aufwand nicht rechtfertigt, zum Snack herabgestuft wird.

Kaffee und Tee  halten sich konsequent zum Frühstück: Aber Croissant oder Müsli? Da heisst es oft Adé
Kaffee und Tee halten sich konsequent zum Frühstück: Aber Croissant oder Müsli? Da heisst es oft Adé

Afternoon Tea: Die Mahlzeit, die niemand braucht, aber jeder will

Am deutlichsten zeigt sich das an einem Ritual, von dem noch nie jemand satt werden musste. Der britische Afternoon Tea hält laut dem Branchenportal Hogapage zunehmend Einzug in deutsche Hotels. Im Berliner Adlon vergleicht der Chef-Patissier ihn mit einem kleinen Bühnenstück, in dem jede Komponente ihren Auftritt hat. Im Parkhotel Quellenhof Aachen trifft er auf Aachener Pflümli und freut sich großer Beliebtheit in klassischer Kaminhalle. Treffender lässt sich kaum sagen, was aus einer Mahlzeit wird, wenn sie vollständig Anlass geworden ist: Etagere, feste Abfolge und festgelegte Uhrzeit ersetzen den Hunger als Grund, sich an einen Tisch zu setzen.


Was erzählt ein Frühstück 2027 über uns?

Ob ballaststoffreich, zuckerarm oder herzhaft statt süß: Die Marktforscher beobachten, dass Frühstückende in Deutschland gezielt nach nahrhaften Optionen suchen, die Energie liefern. Der Frühstückstrend: Hinter jeder dieser Entscheidungen steht eine Überzeugung darüber, wie ein gutes Leben auszusehen hat. In den USA verbinden 83 Prozent derjenigen, die täglich frühstücken, ein gesundes Frühstück mit einem Gefühl der Zufriedenheit, was weniger über Nährwerte sagt als über das Selbstbild, das dabei bestätigt wird. Dass Geschmack soziale Zugehörigkeit markiert, hat der Soziologe Pierre Bourdieu schon 1979 beschrieben. Verändert hat sich seither die Bühne, denn in einer Welt, die fortlaufend zeigt, wie andere leben, wird der Teller zum sichtbaren Lebenslauf. Ein Viertel der deutschen Frühstückenden, die soziale Medien nutzen, hat die eigenen Gewohnheiten wegen Online-Trends bereits geändert. Wir schreiben uns über Mahlzeiten Persönlichkeit zu, und wir tun es vor Publikum.


Zeitgemäß: Ein ausgiebiges Frühstück, wie hier, im Strandhotel Zingst
Zeitgemäß: Ein ausgiebiges Frühstück, wie hier, im Strandhotel Zingst

Frühstückstrend: Die große Leere am Küchentisch

Was aber passiert, wenn der große Brunch einmal ausfällt? Wer eine Woche lang nicht frühstücken geht, hat deshalb nicht zu Hause gefrühstückt, wahrscheinlicher wurde gesnackt. Das Frühstück ohne Aussage, das weder Überzeugung noch Bild war und einfach am Küchentisch stattfand, hat in dieser Ordnung keinen festen Platz mehr. Dazu gehört eine Frage, die in den Bildern vom Sonntagstisch nicht vorkommt. Das inszenierte Frühstück setzt Geld und freie Zeit voraus, während die Marktforschung für Deutschland wachsende Preissensibilität verzeichnet und mehr Pendelwege den Morgen verdichten. Wo beides knapp ist, bleibt der Snack, und auch er gibt dann Auskunft über ein Leben, ohne dass jemand danach gefragt hätte.


Snackification: Trend oder kann das weg?

Der Snack am Vormittag wird bleiben, weil er zu den Arbeitstagen passt, die wir führen, und die Industrie wertet ihn bereits auf, etwa mit Frühstücks-Bento-Boxen für ruhigere Vormittage. Der große Brunch wird ebenfalls bleiben, seltener und aufwendiger als bisher, flankiert von Ritualen wie dem Afternoon Tea, die Tageszeiten besetzen, in denen früher beiläufig gegessen wurde.

Weg ist, wenn wir ehrlich sind, längst etwas anderes: die Mahlzeit dazwischen, bei der niemand zusah und die trotzdem der verlässlichste Teil des Tages war. Ob sie uns fehlt, merken wir vermutlich erst an einem Sonntag ohne Reservierung.


Die Fakten im Überblick: Laut dem Marktforschungsunternehmen Mintel essen 36 Prozent der Frühstückenden in Deutschland vormittags eher mehrere kleine Snacks als ein großes Frühstück. Als Gründe nennen 40 Prozent fehlenden Hunger, 34 Prozent Zeitersparnis und 31 Prozent mehr Abwechslung. In einer OpenTable-Umfrage vom September 2025 sahen 62 Prozent der Deutschen den Restaurantbesuch als besonderes Erlebnis statt als Gewohnheit.



Jana Kaminski ist Soziologin, Journalistin und Hotelexpertin. Vom Prenzlauer Berg aus ordnet sie für GUSTAS/Magazin ein, warum ein Trend ein Trend ist und was er mit uns macht. Und ob wir ihn brauchen, oder einfach weg kann.

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