Reisetrends 2027: Warum wir nicht mehr nach Zielen reisen, sondern nach Gefühlen
Reisen ist nie nur Reisen. Wie wir es tun, verrät, wonach wir uns gerade sehnen, und dieser Wunsch verschiebt sich erneut. Nach dem Rundum-sorglos-Paket und nach dem Leben wie ein Einheimischer beginnt eine dritte Phase, in der nicht mehr das Ziel zählt, sondern das Gefühl, das es hinterlässt.

Pünktlich zur Urlaubsplanung hat „Lonely Planet" sein „Best in Travel 2027" veröffentlicht, fünfzig Reiseziele und Erlebnisse, ausgewählt aus der persönlichen Reiseerfahrung der Redaktion. Wer Reiseinspiration und neue Reiseziele sucht, wird dort fündig. Interessanter als die einzelnen Orte ist aber, was die Liste über die Reisetrends 2027 verrät. Um zu verstehen, wohin die Reise geht, lohnt ein Blick darauf, woher wir kommen.
Von der Pauschalreise zu „Airbnb": eine kurze Geschichte unserer Reisebedürfnisse
Die Pauschalreise war eine der großen Erfindungen des modernen Tourismus, und ihren Höhepunkt fand sie im All-inclusive-Konzept. Im „Robinson Club" oder bei „Aldiana" war mit einem Bändchen ums Handgelenk alles organisiert, vom Frühstücksbuffet bis zur Abendanimation, sorgenfrei und planbar und frei von jeder Reibung. Irgendwann kippte der Wunsch ins Gegenteil. In den 2010er-Jahren kam mit „Airbnb" die Gegenwelle: leben wie ein Einheimischer, eine eigene Wohnung statt eines Hotelzimmers, möglichst nah dran, wo die Leute wohnen. Für eine Weile jemand anders sein, woanders zu Hause: das hatte etwas.
Doch auch dieser Traum hat sich gedreht. Wo ganze Viertel zu Ferienwohnungen werden, steigen die Mieten, und die Einheimischen, deren Alltag den eigentlichen Reiz ausmachte, werden verdrängt. Aus dem Versprechen von Nähe wurde ein Symbol für Overtourism. Der Reiz von damals trägt nicht mehr.
Reisetrends 2027: Reisen für die Sinne statt für die Superlative
Was also kommt nach All-inclusive und nach dem Leben wie ein Local? Die neue „Lonely Planet"-Liste gibt eine Richtung vor, und sie hat mit dem einen so wenig zu tun wie mit dem anderen. Die Redaktion begründet ihre Auswahl mit einem Wunsch, der viele gerade umtreibt: langsamer unterwegs zu sein, den großen Besucherströmen auszuweichen und Erlebnisse zu suchen, die über das Offensichtliche hinausgehen.
Es geht jetzt um Geschichten, die im Gedächtnis bleiben, um Reisen für die Sinne und um das Gefühl, das ein Ort hinterlässt, statt um die Rekorde, mit denen er sich vermarkten ließe. Nicht die Superlative entscheiden, sondern die Intensität eines Ortes und seine Stimmigkeit, und genau hier passt ein Ziel wie Maryland hinein. Es liefert kein Weltwunder, sondern ein Bild: die Chesapeake Bay, Leuchttürme und Krabbenbuden, das Gefühl eines entschleunigten Amerika, das gerade deshalb guttut, weil es nichts beweisen muss. Die übrigen Ziele der Liste gehen in dieselbe Richtung.
Wohin 2027 in den Urlaub?
Diese neuen Reiseziele setzen aufs Gefühl:
Dessau, Deutschland.
Dessau ist das einzige deutsche Ziel der Auswahl, und es steht dort für eine Idee, nicht für ein Postkartenmotiv. Als das 1919 gegründete Bauhaus 1925 von Weimar hierher zog, entwarf Walter Gropius das berühmte Bauhausgebäude mit seiner gläsernen Vorhangfassade, dazu die Meisterhäuser für die Lehrenden, beide 1925 und 1926 erbaut und seit 1996 UNESCO-Welterbe. Wer durch diese klaren, hellen Räume geht, spürt, wie radikal Reduktion einmal war. Dessau liefert kein Spektakel, sondern ein stimmiges Bild von Moderne, das bis heute nachwirkt.

Dessau in Deutschland als Reisetrend? / Credit Animaflora_Getty
Kaliforniens Küsten-Redwoods, USA.
An der Nordküste Kaliforniens stehen die höchsten Bäume der Welt, die Küstenmammutbäume, von denen einige über hundert Meter erreichen. Zwischen ihnen zu gehen ist weniger Sightseeing als ein körperliches Erlebnis: gedämpftes Licht, feuchter Nebel, der zwischen den Stämmen hängt, und eine Stille, die den eigenen Maßstab verrückt. Reisen für die Sinne heißt hier vor allem ein Gefühl von Ehrfurcht, für das es keine Attraktion und kein Ticket braucht.

Monteverde, Costa Rica.
Monteverde in Costa Rica ist kein Ort für schnelle Bilder, sondern für langsames Schauen. Der hochgelegene Nebelwald liegt fast ständig in Wolken, aus denen Vogelstimmen und das Tropfen der Blätter dringen, während schmale Hängebrücken durch die Baumkronen führen. Wer Glück und Geduld mitbringt, sieht einen Quetzal. Die Intensität dieses Ortes entsteht nicht aus Größe, sondern aus Dichte, aus dem Gefühl, mitten in einem lebendigen, atmenden System zu stehen.

Destination: Darjeeling Himalayan Railway, Indien
Die Darjeeling Himalayan Railway macht den Weg zum eigentlichen Ziel. Die schmalspurige „Toy Train", seit 1999 UNESCO-Welterbe und seit 1881 in Betrieb, klettert auf kaum zwei Fuß breiten Gleisen durch die Vorberge des Himalaya, schlingt sich am Batasia Loop einmal im Kreis nach oben und hält in Ghum, einem der höchsten Bahnhöfe der Region. Bei klarem Wetter steht der Kangchendzonga im Hintergrund, der dritthöchste Berg der Erde. Schneller wird die Fahrt nie, und genau das ist der Punkt: Entschleunigung als Erlebnis.

Reiseziel Maryland, USA
Maryland gilt in den USA als „America in Miniature", und genau das macht seinen Reiz aus. Statt eines Weltwunders liefert der Bundesstaat ein Bild, das sich langsam einprägt: die weite Chesapeake Bay, alte Leuchttürme und Krabbenbuden, in denen frisch gekochte Krabben mit „Old Bay" gewürzt auf Zeitungspapier serviert werden, dazu Hafenstädtchen wie Annapolis oder St. Michaels an der Eastern Shore. Es ist das Gefühl eines entschleunigten, unaufgeregten Amerika, das gerade deshalb guttut, weil es nichts beweisen muss.

Der neue Luxus heißt Stimmigkeit
Vielleicht sagt diese Verschiebung mehr über uns als über die Orte. Wer nach Intensität und Stimmigkeit sucht statt nach dem größten, höchsten, exklusivsten Erlebnis, definiert Luxus neu. Nicht als Menge und nicht als Status, sondern als Übereinstimmung zwischen einem Ort und dem, was wir dort empfinden. All-inclusive verkaufte Sorglosigkeit, „Airbnb" verkaufte Zugehörigkeit. Was jetzt zählt, ist schwerer zu buchen und teurer zu haben: ein Erlebnis, das stimmig ist und im Gedächtnis bleibt. Die Reisetrends 2027 sind damit weniger eine Liste von Zielen als eine Liste von Gefühlen, die wir suchen.
Das Buch zum Nachreisen

Das begleitende Buch "Best in Travel 2027" lädt dazu ein, die ausgewählten Reiseziele vor Ort
oder vom heimischen Sofa aus zu entdecken.
Eindrucksvolle Fotografien, persönliche Perspektiven der Lonely-Planet-Autor:innen und
praktische Reisetipps stellen alle 50 Empfehlungen vor.
„Best in Travel 2027. Die 50 besten Reiseerlebnisse & Ziele für das ganze Jahr"
Lonely Planet, 320 Seiten, Softcover mit Klappen, rund 200 Abbildungen
Format 16,8 × 21,6 cm
16,95 € [DE] · 18,50 € [AT] · 21,50
CHFISBN 978-3-575-01411-5
Erschienen am 23. September 2026



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